Guter Sound ist (un)hörbar

Aus dem OpenMusicSchool Blog: Guter Sound ist (un)hörbar

Ich finde es sehr erstaunlich, wie intensiv in den Internetforen regelrechte Grabenkämpfe um Glaubens- und Equipmentfragen geführt werden. Da gibt es Leute, die können jeden analogen Synthesizer von einem entsprechenden Virtuell-analogen unterscheiden.

Es gibt Leute, die können sogar zig Mikrofonvorverstärker auseinander halten und ganze EQ-Gruppen von Mischpulten, teilweise Hersteller übergreifend vergleichen und hoch- oder runterloben. Dann gibt es andere, die hören gewissermaßen jede Holzsorte einer Gitarre oder die feinsten Nuancen eines Hallgerätes. Und: Es gibt sogar welche, die 48 von 96 kHz unterscheiden können.

Ganz ehrlich? Ich kann davon fast nichts. Fast überhaupt nichts. Ich kann die meisten Klaviersounds nicht unterscheiden, wenn sie gut gemacht sind, und ich weiß nicht einmal, ob es sich bei manchen Einspielungen überhaupt um ein echtes Klavier handelt oder nicht.

Auch weiß ich in der Regel nicht, ob ein EQ wirklich besser klingt als ein anderer. Wenn er die Höhen anhebt, wenn ich die Höhen anhebe, dann ist das meistens ok für mich. Klar gibt es Sachen, die eher zu einem gehen ? das ist auch mir schon passiert. Aber die Diskussionen im Netz sind mittlerweile auf einem derart hohen Niveau, dass ich da einfach nicht mehr mithalten kann. Ich kann es schlicht und ergreifend nicht.

Die allermeisten Geräte klingen heute so fantastisch, dass ich es fast aufgegeben habe, konkrete Vergleiche zu ziehen. Ich bin einfach mit den meisten Dingen super zufrieden und versuche aber dennoch ab und an mal nachzuvollziehen, ob ein Synthesizer, bei dem die Kondensatoren gewechselt wurden, jetzt besser oder schlechter klingt. Der eine wird sagen, dass er besser klingt, weil er jetzt einen sauberen Sound hat – was auch immer das heißen mag. Der andere wird sagen, dass es vorher – dreckig – besser war.

Mich interessiert eigentlich nur, wie das Preset klingt, das ich gerade benutzen will und ob es einen aggressiven oder netten Sound hat, ganz unabhängig von der Frage, mit welchen Bauteilen er erzeugt wird.

Neulich habe ich auf einer Seite eines Low-Cost-Mikrofonherstellers einen Vergleich gehört, bei dem der Hersteller eines seiner Produkte mit dem eines berühmten und deutlich teureren Edelherstellers verglichen hat. Das Edelmikrofon klang etwas dumpfer als das Low-Cost-Mikro. Mir war das dumpfe lieber, weil es nicht so aufdringlich war. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nur 20 Sekunden brauche – wenn überhaupt -, um aus dem etwas schärferen Sound des Low-Cost-Mikros einen dumpferen Sound zu machen. Hmm. Klar, das wird nicht dasselbe sein. Aber im Mix werde ich damit einen etwas nach hinten gestellten Gesangs-Sound hinkriegen. Und das will ich. Und das geht auch mit dem billigeren Mikro.

Deswegen muss man es nicht kaufen. Ich will damit nur sagen, dass zumindest ich persönlich die meisten Dinge nicht hören kann, über die gestritten wird. Und ganz ehrlich? Darüber bin ich saufroh!

Liebe Grüße,

Euer Philip