Mit Fingern oder mit Plektrum Gitarre spielen? Fingerpicking vs. Flatpicking

Mit Fingern oder mit Plektrum spielen?

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Wenn es um das Bespielen einer Gitarre geht, stellt sich die fast schon philosophische Frage, ob man besser mit einem Plektrum die Saiten anschlägt (auch: Plektron, Pick, Plättchen), oder mit der Hand und den Fingern. Hier scheiden sich die Gitarristen-Geister. Denn insgeheim haben die meisten Gitarristen eine Vorliebe – und das ist keine Schande. Je nach Genre, Soundvorstellung und den individuellen Voraussetzungen macht jede Variante Sinn. Daher möchte ich heute mit euch auch ein wenig – sagen wir: philosophieren, welche Unterschiede, Vorteile und Nachteile zwischen Finger- und Flatpicking (Spiel mit Plektrum) es gibt.

Das Spielen mit Plektrum (Flatpicking)

Warum verwendet man Plektren?

Es gibt verschiedene Beweggründe ein Plektrum einzusetzen:

  • Picks haben – abhängig von ihrer Form und dem verwendeten Material – bestimmte klangliche Eigenschaften. Dieser besondere Sound allein rechtfertigt die Verwendung von Plättchen.
  • Eine langes, hartes Fingerpicking oder Strumming kann deine Nägel und deine Haut ziemlich beanspruchen. Mit Plektren kannst du deine Finger hingegen schonen.
  • Mit einem Plektrum lassen sich besondere Spieltechniken realisieren, die mit den Fingern undenkbar wären. Vor allem an der E-Gitarre gehört das Spiel mit Plektrum „zum guten Ton“.

Der Plektrum Klang

Plektren klingen grundsätzlich perkussiver, scharfer, druckvoller, definierter.

Das hängt allerdings auch stark von der verwendeten Dicke eines Plektrums ab. Eine gute Mitte ist nach meiner Erfahrung ein Pick mit 0,60mm – 0,80mm Dicke. Es gibt etwas nach, aber hat trotzdem noch eine ausreichende Festigkeit und Definition. Damit kann man sowohl auf einer E-Gitarre als auch auf einer Akustikgitarre sehr vielseitig spielen. Tendenziell spielt man auf einer E-Gitarre eher härtere, dickere Picks für einen definierten, druckvollen Anschlag. Bei einer Akustikgitarre eignen sich oft auch weichere Plektren für einen feinen, leichten Sound, der sich besonders bei Akkordbegleitungen gut macht.

Auch das Material eines Plektrums hat natürlich einen Einfluss auf den Klang. Früher wurden Plektren aus Schildpatt, dem Panzer von Schildkröten gefertigt. Aus Tierschutzgründen ist das allerdings Geschichte. Es gibt aber heute viele industriell gefertigte Materialien, die super klingen und lange haltbar sind:

Nylon ist sehr widerstandsfähig und hat einen mittigen, ausgewogenen Sound. Zelluloid klingt etwas spitzer. Metall liefert einen sehr rauen, kühlen Sound und passt damit eigentlich nur zu sehr harten Musikrichtungen. Am besten gefällt mir persönlich der Sound von Casein-Picks, diese klingen elegant und weich, ohne an Brillanz zu verlieren. Holz hat auch einen tollen Sound, eignet sich aber eher für schnelle Skalen und brillante Pickings, da die Picks immer relativ dick sind, um nicht zu zerbrechen.

Formen und Einsatzzweck

Am verbreitetsten ist die Tropfenform nach dem Vorbild des Fender 351 Plektrums. Die Seite, mit der man die Saiten anschlägt ist dabei etwas spitzer. Diese Form ist für Anfänger am besten geeignet. Sie lassen sich gut zwischen Daumen und Zeigefinger einklemmen und fallen einem nicht so oft aus der Hand wie kleine Jazzpicks oder unorthodoxe Spezialformen.

Viele Akustikgitarristen stehen auf große dreieckige Picks mit drei gleichen Spitzen. Ich bin allerdings kein Fan dieses Typs, da sie beim Spielen aufgrund ihrer Größe irgendwie immer im Weg sind. Einfach mal ausprobieren.

Generell gilt die Regel: Je kleiner ein Pick, desto eher lassen sich damit schnelle Läufe und Tonfolgen spielen. Damit geht meistens auch eine höhere Dicke einher. Denn weiche Picks machen nur bei sanften Begleitungen Sinn oder bei eher verwaschenem, filigranen Spiel.

Neben den üblichen Plektren existieren auch spezielle Daumen- und Fingerpicks, die wie verlängerte Nägel auf die Finger gesteckt werden. Man kann damit abgefahrene, kraftvolle und differenzierte Picking-Pattern spielen, die mit den bloßen Fingern nicht möglich wären. Für Anfänger sind solche Picks allerdings eher nicht geeignet, dafür brauch man viel Erfahrung und Spielgeschick.

Techniken mit Plektrum

Hier eine kleine Liste mit typischen Plektum-Spieltechniken:

  • Stumming: rhythmisches Schlagen der Saiten. Du gleitest mehr oder weniger gleichzeitig mit dem Pick über die Saiten. Von oben nach unten – Abschlag/Downstroke, und von unten nach oben – Aufschlag/Upstroke.
  • Alternate Picking (Wechselschlag): Das Anschlagen der gleichen Saite in abwechselnder Richtung.
  • Sweep Picking: Beim Sweep Picking gleitet man mit dem Pick nacheinander über mehrere Saiten, während die linke Hand einzelne Töne greift. Bei dieser Technik spielt man keine Akkorde „auf einen Schlag“ sondern aufgeschlüsselte Arppeggios. Eine koordinative Herausforderung, die eine schnelle Abstimmung zwischen linker und rechter Hand erfordert!
  • Chicken Picking: Auch Hybridpicking genannt. Eine Technik aus dem Country, bei der man ein Plektrum hält, aber dennoch mit Mittel- und Ringfinger sowie dem kleinen Finger Saiten anzupft

 

Das Zupfen mit den Fingern (Fingerstyle/Fingerpicking)

Warum spielt man mit den Fingern?

Das Zupfen mit den Fingern stellt eine schöne Abwechslung zum monotonen oder an Schlagmustern orientierten Rhythmusspiel mit dem Plektrum dar.

Es gibt einige offensichtliche Gründe, mit den Fingern zu spielen:

  • Weil du deine Finger immer „dabei“ hast, brauchst du kein Zubehör.
  • Deine Finger sind mit dir verwachsen – und das hört man. Das Spielgefühl ist unter Umständen „intimer“ als mit Plektrum.
  • Der Sound ist auch hier einzigartig: Ein Fingerpicking klingt wärmer, romantischer. Eine ganz andere Klangwelt als mit Plektrum.
  • Bestimmte Spieltechniken sind nur mit den Fingern möglich, da man mit mehreren Fingern gleichzeitig aber auch isoliert Saiten anspielen kann, die nicht nebeneinander liegen. (Polyphones Spiel)

Der Klang des Fingerpicking

Mit den Fingern zu spielen erzeugt einen ganz eigenen Klang. Setzt man die Fingerkuppen ein, klingt die Gitarre weich, romantisch, etwas dumpf. Wer ausreichend lange Nägel hat, kann aber auch Pick-ähnliche Sounds erzeugen, die etwas schärfer und pointierter klingen. Das ist der Reiz am „Fingerstyle“. Man ist sehr flexibel, wenn man die Technik beherrscht.

Das Zupfen mit den Fingern ist vor allem bei akustischem Gitarrenspiel verbreitet, also bei Westerngitarren und klassischen Gitarren. Ein großartiger „Fingerpicker“ an der Westerngitarre ist Tommy Emmanuel. Unbedingt mal reinhören!

Doch auch bei der E-Gitarre kann ein Fingerpicking einen schönen Sound erzeugen. Ein Musterbeispiel für diese Kombination ist Mark Knopfler – er spielt E-Gitarre mit den Fingern und liefert einen unfassbar organischen und weichen Sound.

Techniken mit den Fingern

Je nachdem in welcher Abfolge man die Saiten anspielt, wie man rhythmische Akzente einbaut, wie man die Basslinie spielt usw. ergeben sich verschiedene Pattern/Muster und andere Stilistiken. Hier eine kleine Liste:

  • Travispicking
  • Carter Family Picking
  • Clawhammer und Frailing
  • Folk Picking
  • Perkussives Picking uvm.

Welche Technik ist besser für Anfänger geeignet?

Wenn du als Anfänger vor der Entscheidung stehst, ob du eher mit Plektrum oder mit den Fingern spielen solltest, dann rate ich dir: Mach beides! Denn der Spaß beim Gitarre spielen hängt auch von der Abwechslung ab. Mit Pick bzw. Fingern lassen sich grundlegend verschiedene Sound erzeugen. Prinzipiell ist es zwar weniger kompliziert mit einem Plektrum umzugehen, aber die komplexen und musikalischen Klänge eines ausgefeilten Fingerpickings machen alle Mühen wett. Ich persönlich habe viele Jahre nur mit Plektrum gespielt, bis ich festgestellt habe, dass meine „Leidenschaft“ zur Gitarre durch das Zupfen mit den Fingern neu entfacht wurde. Aber jeder ist anders: mach, was dir liegt und probiere die andere Technik immer wieder aus, um dich selbst in deiner Entwicklung als Gitarrist zu fordern.

Naturgemäß wirst du aber als E-Gitarrist eher mit einem Plektrum hantieren, als Akustikgitarrist eher zupfen.

Viel Spaß beim ausprobieren der beiden Spielformen,

Lass‘ es krachen.

Dein Benjamin Cross